Sunday, August 02, 2015

Zufallsfund: "Nur Ruhe!"

Im letzten Jahr ging das Wien Geschichte Wiki online, ein Projekt der Wienbibliothek im Rathaus und des Wiener Stadt- und Landesarchivs gemeinsam mit anderen Einrichtungen innerhalb und außerhalb der Stadtverwaltung. Das Wiki basiert auf dem sechsbändigen Werk "Historisches Lexikon Wien" herausgegeben von Felix Czeike, dessen Einträge digitalisiert, OCR-gelesen und manuell in die entsprechenden Formularfelder der auf Semantic MediaWiki beruhenden Datenbank eingegeben wurden. Die teilweise sehr kurz gefassten bzw. veralteten Artikel werden sukzessive überarbeitet und mit Bildern angereichert. Außerdem werden Inhalte aus verschiedenen internen Datenbanken, wie unserem "Gedenktageindex", eingearbeitet. So umfasst das Wiki mittlerweile 34.734 Beiträge und 2890 Bilder. Was hat das jetzt mit "Zufallsfund" zu tun? Ich bin selber von Anfang an in der Wiki-Redaktion dabei - ich kontrolliere beispielsweise Einträge, die von extern kommen, schreibe selbst neue Beiträge und arbeite Biographien ein, die in der Bibliothek im Rahmen von Straßenbenennungen oder Ehrungen erarbeitet wurden. Dabei komme ich oft von einer Person zu einem Bauwerk zu einem Sachbegriff zu einer anderen Person - Ihr kennt das sicher. Letztens kam mir der extern angelegte Eintrag zum Wiener Pädagogen Peter Bleich unter. Und da las ich: "Sein meist beachtetes Buch war aber das pädagogische Bändchen 'Nur Ruhe!' (1846), in dem er seinen Berufskollegen 300 Hilfsmittel zur Hand gibt, wie mit gewaltfreien Mitteln die Ruhe im Klassenzimmer aufrecht erhalten werden könne". Ich dachte, meine Stiefmutter - pensionierte Volksschullehrerin - würde das Buch sicher interessant finden, habe es mir ausheben lassen und habe mich bei der Lektüre sehr amüsiert.

Einerseits mutet das Buch sehr modern an. Es wird zum Beispiel in der Nachbemerkung hervorgestrichen, dass der Lehrer durch "ein freundliches, wohlwollendes, liebreiches Benehmen die Liebe und das Zutrauen der Kleinen in einem hohen Grade" gewinnen solle und dass der Lehrer "die Ursache der Unruhe und Unaufmerksamkeit in sich selbst und nicht in seinen Schülern" suche, denn "er wird finden, daß üble Laune, Unwohlseyn u.s.w. die Veranlassung sind, daß er diesen Tag nicht mit der gehörigen Heiterkeit in der Schule war". Körperliche Züchtigung wird nicht im geringsten angeraten, ja sogar vor übermäßiger Strenge gewarnt. Viele Mittel appellieren an das Ehrgefühl der Kinder. Andererseits dürfte von den 310 enthaltenen Mitteln heutzutage kein einziges mehr funktionieren ;-) oder was meint Ihr zu diesen Beispielen?

212. Mittel: (Zu einem Schüler, der schwätzt:) Was glaubst Du, was wird jeder Mensch lieber thun: arbeiten oder ruhen? Richtig, ruhen. Nun sieh, dein Mund will auch lieber ruhen als arbeiten oder schwätzen. Laß ihn also ruhen! Und solches will der Mund eines jeden Schülers.
86. Mittel: Jeder Schüler, der in der Schule unruhig ist, schließt sich von dem Kreise der Braven aus. Ich glaube, daß nicht Ein Kind diese Schande fühlen will.
18. Mittel: Heute befehle ich, daß jede Kind sehr ruhig und aufmerksam seyn soll. Ich will sehen, ob nur Ein Kind hier ist, welches diesen Befehl nicht mit Freuden befolgt.
24. Mittel: Liebe Kinder! In der Schule muß man lernen, ruhig sitzen, aufmerksam und fleißig lernen, wenn man von dem Lehrer will geliebet werden. Ich glaube, daß jedes Kind wird haben wollen, daß ich es liebe. - Daher wird heute jedes Kind das gerne thun, was ich so eben gesagt habe.
92. Mittel: (Zu einem Schwätzer:) Geh! trage deine Schulsachen nach Hause, und wenn dich deine Aeltern fragen, warum du dieses thust, so sage nur: Liebe Aeltern, zu dem, was ich in der Schule mache, ist kein Buch u.s.w. nöthig.
163. Mittel: Es gibt ein Geboth Gottes, welches heißt; Du sollst nicht tödten! - Wer in der Schule unaufmerksam ist, der tödtet die Zeit, und übertritt das Geboth Gottes, wodurch er eine große Sünde begeht.

Peter Bleich: Nur Ruhe! oder 300 einfache Mittel, Ruhe in der Schule zu erhalten. Ein Noth- und Hülfsbüchlein für angehende Schulmänner, denen es darum zu thun ist, die Ruhe in der Schule auf zweckmäßige Weise, ohne irgend einer Strenge, herzustellen. Wien: Mayer 1846. Wienbibliothek im Rathaus, Druckschriftensammlung, Signatur A-2323.

Neue Einträge in der Berufsbild-Bibliographie

Die neuesten Einträge in meiner Bibliographie Berufsbild BibliothekarIn.

Lynn Walker / Philip Calvert: "'So what made you decide to become a school librarian?' Reasons people currently working in New Zealand school libraries give for their choice of employment". In: Journal of Librarianship and Information Science, OnlineFirst (10. März 2015)

Alireza Peyvand Robati / Byabazaire Yusuf: "Coverage of the competencies required by special librarians at three different levels of Library and Information Science curricula". In: Journal of Librarianship and Information Science, OnlineFirst (9. Oktober 2014)

Bernadette Chanetsa / Patrick Ngulube: "The changing roles, responsibilities and skills of subject and learning support librarians in the Southern African Customs Union region". In: Journal of Librarianship and Information Science, OnlineFirst (1. Oktober 2014)

Irene Lopatovska / Ellie Ransom: "The state of L-Schools: Intellectual diversity and faculty composition". In: Journal of Librarianship and Information Science, OnlineFirst (12. Mai 2014)

Younghee Noh / Inja Ahn: "A study of the differences between students' and librarians' expectation of the Korean library and information science job market". In: Journal of Librarianship and Information Science, OnlineFirst (8. Mai 2014)

Zahra Tahavori: "Teleworking in the National Library and Archives of Iran: Teleworkers' attitudes". In: Journal of Librarianship and Information Science, OnlineFirst (2. Mai 2014)

Biddy Casselden / Alison J. Pickard / Julie McLeod: "The challenges facing public libraries in the Big Society: The role of volunteers, and the issues that surround their use in England". In: Journal of Librarianship and Information Science, OnlineFirst (5. Februar 2014)

Hadewijch Vanwynsberghe / Ruben Vanderlinde / Annabel Georges / Pieter Verdegem: "The librarian 2.0: Identifying a typology of librarians' social media literacy". In: Journal of Librarianship and Information Science, OnlineFirst (28. Jänner 2014)

Saturday, August 01, 2015

Ein Fall für die Bibliotheksdetektivin

"Join our cataloging detective as she attempts to solve the mystery of the seductive double bound book"...

Monday, July 20, 2015

Küchenwissenschaft

Das Zitat werde ich in mein Skriptum zu Zitieren und Plagiat aufnehmen ;-)

Saturday, July 18, 2015

BBB news

Die neuesten Einträge in meiner Bibliographie Berufsbild BibliothekarIn.

Colleen S. Harris-Keith: "The Relationship Between Academic Library Department Experience and Perceptions of Leadership Skill Development Relevant to Academic Library Directorship". In: The Journal of Academic Librarianship 41 (2015) 3, S. 246–263

Dick Kawooya / Amber Veverka / Tomas Lipinskic: "The Copyright Librarian: A Study of Advertising Trends for the Period 2006–2013". In: The Journal of Academic Librarianship 41 (2015) 3, S. 341–349

Ellen I. Shupe / Stephanie K. Wambaugh / Reed J. Bramble: "Role-related Stress Experienced by Academic Librarians". In: The Journal of Academic Librarianship 41 (2015) 3, S. 264–269

Jun Feng / NaiXuan Zhao: "A New Role of Chinese Academic Librarians—The Development of Embedded Patent Information Services at Nanjing Technology University Library, China". In: The Journal of Academic Librarianship 41 (2015) 3, S. 292–300

Wednesday, July 15, 2015

Bibliographie Berufsbild BibliothekarIn: wieder online!

Juhu, ein jahrelang gehegtes und gepflegtes Lieblingsprojekt von mir ist wieder online: die Bibliographie Berufsbild Bibliothekar / Bibliothekarin, die ich schon während meines Bibliotheksstudiums gestartet habe. Adresse wie früher www.library-mistress.net/berufsbild :-) Nachdem der Server meines Webspace-Providers den Geist aufgegeben hatte, wollte ich mir dann doch lieber einen neuen Provider suchen und habe für diese Entscheidung geringfügig mehr Zeit als erwartet gebraucht. Dann war noch die Domain zu übersiedeln etc. pp.
Es sind noch einige Ergänzungen und etliche Aktualisierungen vorzunehmen, zum Beispiel fehlen noch die meisten Links, und der Belletristik-Teil muss mittlerweile ordentlich erweitert werden, aber der Großteil der Listen ist nun wieder abruf- und durchsuchbar.

Monika Bargmann: "Lisi with sensible (?) shoes", 23. Juli 2008, Flickr, CC-BY-SA

Die neuen Einträge werden immer in diesem Blog unter dem Label "profession" und mit dem Subject "BBB news" veröffentlicht. Über Hinweise freue ich mich weiterhin.

Monday, July 13, 2015

neu: Büchereiperspektiven zu "Bibliothek und Umwelt"

Die neueste Ausgabe 2/2015 der Zeitschrift "Büchereiperspektiven" ist dem Thema "Bibliothek und Umwelt" gewidmet und auf https://www.bvoe.at/epaper/2_15/ frei abrufbar. Diesmal bin ich gleich zweimal vertreten: mit einem Artikel zur Frage "Wie öko ist mein Lesestoff" (Literaturliste siehe unten) und mit meiner Kolumne zu "Bibliotheken ohne Bücher", diesmal über Xylotheken oder Holzbibliotheken :-)

Inhaltsverzeichnis

  • Die Grüne Bibliothek - Ökologische Nachhaltigkeit liegt nicht nur unübersehbar und weltweit im Trend, mehr noch: Ihre zunehmend existenzielle Bedeutung für unser Leben und das der nachfolgenden Generationen steht außer Frage – auch für Bibliotheken.
  • Let's go green! - Bibliotheken können "grüne" Trends aufnehmen – und ihr ökologisches Engagement auch gewinnbringend vermarkten. Über die Entwicklung eines Zertifikats für Grüne Bibliotheken.
  • Vorarlberger Bibliotheken: Einfach die Welt verändern - Sich der Umwelt bewusst sein: Das bringt Lebensqualität. Vorarlberger Bibliotheken nehmen sich Zeit dafür und machen Lust auf Umwelt – mit einem spannenden, umfangreichen und vielseitigen Angebot.
  • Auf dem "Holz-Weg" - Die Walserbibliotheken im Biosphärenpark Großes Walsertal zeigen, wie Umweltfragen, Ökologie und nachhaltiges Leben mit gezielten Aktionen zum Thema und zur Aufgabe gemacht werden können.
  • Nachhaltigkeit als Programm - Die Walserbibliothek Blons liegt im Gemeindezentrum, das aus dem Holz des Lawinenschutzwaldes errichtet wurde. Nachhaltig ist nicht nur das Gebäude, sondern auch das Programm der Bibliothek.
  • Gutes Gefühl statt schlechtes Gewissen - Margit Helene Meister von der Umweltbildung des Landes Niederösterreich möchte Wege zu einem nachhaltigeren Lebensstil aufzeigen. In dem Projekt "leseumwelt" setzt sie auf BibliothekarInnen als MultiplikatorInnen.
  • Die Bibliothek geht ins Grüne - Die Korneuburger Büchereien arbeiten beim Thema Umwelt zusammen und bringen ihre Aktivitäten ins Stadtleben ein
  • Recycling von Büchern - Die Bibliothek Lockenhaus weiß auch ältere Bücher zu verwerten und wurde für ihre Initiativen, einen offenen Bücherschrank in einer Telefonzelle und einen Recycling-Büchersessel, im Mai 2015 mit dem "Goldenen Mistkäfer" ausgezeichnet.
  • Umwelttage in der Bibliothek - Die Stadtbücherei Eggenburg hat die "Eggenburger Umwelt- und Energietage" ins Leben gerufen. Seit 2013 organisiert die Bibliothek in Kooperation mit der Stadt eine jährliche Veranstaltungsreihe rund um den Weltumwelttag.
  • Urban Gardening und Bibliotheken - Urban Gardening ist mehr als ein Trend. Neben der Nutzung von privaten oder städtischen Flächen für den Anbau von Nahrungsmitteln steht mit der Gründung von Gemeinschaftsgärten auch eine neue Form des gemeinsamen Lernens und Experimentierens im Mittelpunkt – ein spannender Ansatzpunkt für Bibliotheken.
  • Grüne Bibliothek der Nachbarschaft in Berlin - In einem engagierten Nachbarschaftsprojekt konnte die Stadtteilbibliothek Tiergarten vor der Schließung bewahrt werden: mit Unterstützung aus der Community, einem neuen Betriebskonzept, zielgruppenorientierter Ausrichtung und enger Zusammenarbeit mit dem benachbarten Gemeinschaftsgarten. Über eine kleine Bibliothek mit großen Ambitionen.
  • Grüne Bibliotheken in Tschechien - "Grüner", bewusster und vernetzter: Studierende der Bibliothekswissenschaft gaben den Anstoß zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit ökologischer Nachhaltigkeit in tschechischen Bibliotheken.
  • "Library at the Dock" in Melbourne - Das Hafenviertel Docklands ist Melbournes jüngster Stadtteil, der rasch wächst und sich zu einer wichtigen wirtschaftlichen Drehscheibe entwickelt hat. Die "Library at The Dock", die Bibliothek am Hafen, ist eines der neuesten und ambitioniertesten Infrastrukturprojekte in Melbourne.
  • Global denken, lokal handeln - Die Kingston Library im Bundesstaat New York unterstützt die Klimaziele der Stadt und hat sich selbst zu grünen Maßnahmen bekannt. Eine Fallstudie einer Grünen Bibliothek in den USA.
  • Bibliothek mit Dachgarten - Begrünte Dächer haben viele Vorteile – sie schützen vor Hitze und Kälte, schonen die Kanalisation und sehen einfach schÖn aus. Zwei Beispiele für Bibliotheken mit "Green Roofs" aus dem Osten und dem Westen der USA.
  • "My Tree House" - In Singapur gibt es die weltweit erste Grüne Bibliothek für Kinder. In einer magischen Waldlandschaft können spielerisch Umweltthemen erkundet werden.
  • Interview: Kunstprojekt "Future Library" - Die Künstlerin Katie Peterson pflanzt eine Bibliothek – und das im wörtlichen Sinne. Im Interview erzählt sie von ihrem außergewöhnlichen Projekt, in dem Natur und Kunst zusammenkommen.
  • Grün feiern - Was haben der kürzlich in Wien abgehaltene Eurovision Song Contest und der im September stattfindende Österreichische Bibliothekartag gemeinsam? Sie sind "Green Events" beziehungsweise "Green Meetings" – nach Umweltstandards abgehaltene Veranstaltungen. Pamela Stückler vom Planungskomitee des Bibliothekartags berichtet von den Vorbereitungen.
  • "Können Schweine fliegen?" - Wie lässt sich Natur vermitteln? Einige Ideen zu Aktionen und Umweltspielen für drinnen und draußen.
  • Wie öko ist mein Lesestoff? - Es gibt Bücher, bei denen man zutiefst bedauert, dass für ihre Produktion Bäume sterben mussten. Da wäre es doch besser, sie wären nur als E-Book erschienen. Aber ist das digitale Buch wirklich besser für die Umwelt als das gedruckte? Eine nicht ganz triviale Frage. Etwas sei gleich zu Beginn verraten: Gebrauchte gedruckte Bücher, wie zum Beispiel Bibliotheksbücher, schneiden in ökologischer Hinsicht gut ab.


Es gibt verschiedene Siegel für Holz (und damit Papier) aus nachhaltiger Forstwirtschaft, zum Beispiel PEFC oder FSC, auf die man achten sollte. In Österreich sind immerhin bereits siebzig Prozent der Waldfläche PEFC-zertifiziert. Bild: Monika Bargmann, Mariensee, CC-BY

Literatur zu meinem Artikel "Wie öko ist mein Lesestoff"

Ich würde gerne einmal eine ausführliche Version meines Artikels verfassen. Aufgrund der begrenzten Zeichenzahl konnte ich auch nur die wichtigsten interessanten Literaturangaben im gedruckten Heft unterbringen. Daher hier die Ergänzung:

Tuesday, July 07, 2015

Von Bücherfeen und Bibliotheksvampiren, Kolumne 4/2014

Beim Festival "Österreich liest" im Oktober konnten Besucherinnen und Besucher den "Treffpunkt Bibliothek" auf vielseitige Weise kennenlernen und erfahren. Diese Kolumne ist dem fiktiven Pendant gewidmet.
Ein Schwarzes Brett kann ein guter Treffpunkt sein, erfährt der Bibliothekar James in "Carbs & Cadavers", der sich nach langen Jahren auswärts erst wieder in seiner Heimatstadt eingewöhnen muss. Just an dem Tag, als er sich nachintensivem Zögern wieder einmal auf die Waage gestellt hat und noch schockiert vom Ergebnis ist, begegnet er an seinem Arbeitsplatz der Lehrerin Lindy, die gerade eine Einladung für einen "Supper Club" aufhängt – eine Gruppe, die sich regelmäßig zum gemeinsamen Essen trifft, dabei Diätrezepte austauscht und sich gegenseitig beim Abnehmen unterstützen will. Bald entsteht eine innige Freundschaft zwischen den Gruppenmitgliedern.
In dem Roman "Ausgeliehen" trifft der zehnjährige Ian in der Stadtbibliothek auf eine Komplizin. Seine Mutter verlangt nämlich, dass er nur "Bücher, in denen der Atem Gottes zu spüren ist", liest – "Harry Potter und ähnliche Autoren" gehören nicht dazu. Die Kinderbibliothekarin Lucy stammt allerdings "aus einer langen Reihe von Revolutionären ab“ und hilft Ian dabei, heimlich an die verbotenen Bücher heranzukommen.
BibliothekarInnen erleben manchmal unverhoffte Begegnungen – wie der Protagonist in "Le grand amour du bibliothécaire" ("Die große Liebe des Bibliothekars"): „Ein Besucher in seiner Bibliothek, das ist doch noch nie passiert! Und dann auch noch eine hinreißende junge Frau. Das Herz des Bibliothekars beginnt zu klopfen. Er errötet, er erbleicht. Er befindet sich über ihr und wäre gerne auf derselben Ebene, aber er fühlt sich nicht fähig, die Leiter hinunterzusteigen, ohne über seine eigenen Füße zu stolpern".
Manchmal stößt man in der Bücherei aber auch auf Gestalten, die man – in dieser Form – gar nicht erwartet hätte. So ergeht es etwa der Titelheldin in "Lisas Buch": "Der Platz unter der Gummipalme war besetzt, und die beiden Jungen, die dort saßen, hatte Lisa hier noch nie zuvor gesehen. Sie wären ihr aufgefallen, denn ehrlich gesagt, schauten sie ziemlich merkwürdig aus. Der eine trug eine Art Jackett, das ihm viel zu groß war, und dazu eine an den Knien geflickte karierte Hose. Auf dem Kopf hatte er einen Strohhut mit einer hoffnungslos ausgefransten Krempe. (..) Der andere Junge sah nicht viel besser aus.“ Ihre Namen sind übrigens Tom und Huck...

Literatur

  • J.B. Stanley: Carbs & Cadavers. Midnight Ink 2006 (die Serie "Supperclub mysteries" hat mittlerweile sechs Bände)
  • Rebecca Makkai: Ausgeliehen. List 2012 [The borrower]
  • Évelyne Brisou-Pellen: Le grand amour du bibliothécaire. Illustriert von Véronique Deiss. Castermann 1996 (Übersetzung der zitierten Passage von MB)
  • Wieland Freund: Lisas Buch. Rowohlt Taschenbuch 2003

Hier alle bisher in den Büchereiperspektiven erschienenen Kolumnen zum Nachlesen:
  • Bibliothek als...: 4/2014 (Bibliothek als Treffpunkt, S. 21), 3/2014 (Bibliothek als Arbeitsplatz, S. 59), 2/2014 (Bibliothek als Tatort, S. 61), 1/2014 (Bibliothek als Paradies, S. 63).
  • Film und Fernsehen: 4/2013 (Science Fiction, S. 45), 3/2013 (Krimiserien, S. 53), 2/2013 (Horror, S. 65), 1/2013 (Komödien, S. 59).
  • Belletristik: 4/2012 (Krimis, S. 59), 3/2012 (Comics, S. 57), 2/2012 (Horror, S. 71), 1/2012 (Liebesromane, S. 53).

Saturday, July 04, 2015

WikiProjekt "Bibliotheken und BibliothekarInnen im Nationalsozialismus"

Philipp Maass hat in Inetbib sein sehr interessantes Projekt vorgestellt:

<zitat>
"Im Rahmen eines Praxisprojekts des berufsbegleitenden Masterstudiengangs Bibliotheks- und Informationswissenschaft "MALIS" an der Fachhochschule Köln habe ich eine WikiProjekt-Seite zum Thema "Bibliothekarinnen, Bibliothekare und Bibliotheken im Nationalsozialismus" erstellt. (...) WikiProjekte sind "themenbezogene Initiativen zu Ausbau und Verbesserung von Artikeln eines Themenkomplexes innerhalb der Wikipedia". (...) Auf meiner Benutzerseite sammle ich zur Zeit Ideen zur Kooperation von Wikipedia und Bibliotheken. Lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf".
<zitat>

Auf der Projekt-Seite wird noch genauer ausgeführt, worum es geht: "Diese WikiProjekt soll einen zentralen Zugriff zu Ressourcen, Personen und Institutionen im Bibliothekswesen während der NS-Zeit ermöglichen. Da die Informationen innerhalb der Wikipedia nicht zentral recherchierbar sind, soll mit dieser Seite Interessierten ein Überblick gegeben werden, welche Informationen zum Bibliothekswesen im Nationalsozialismus innerhalb der Wikipedia verfügbar sind und welche nicht. Hinzu kommt eine Bibliographie zur Thematik und eine Übersicht welche Artikel noch überarbeitet werden müssen oder neu angelegt werden sollten". In der Übersicht werden jedenfalls auch Personen aus Österreich angeführt: z.B. Hans Ankwicz-Kleehoven, Josef Bick, Paul Heigl und Victor Kraft. In Österreich gab es auf diesem Gebiet in den letzten Jahren etliche Publikationen, zum Beispiel durch die AG NS-Provenienzforschung. Dem Projekt gutes Gelingen!


Volksbibliothekare im Nationalsozialismus
Dazu passend: Kollege Heimo Gruber hat mich soeben darauf hingewiesen, dass die Jahrestagung des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Bibliotheks-, Buch- und Mediengeschichte dem Thema "Volksbibliothekare im Nationalsozialismus – Handlungsspielräume, Kontinuitäten, Deutungsmuster" gewidmet ist. Die Tagung findet von 28. bis 30. September 2015 in Wolfenbüttel statt. Das Programm ist online (PDF).

Friday, June 26, 2015

Von Bücherfeen und Bibliotheksvampiren, Kolumne 3/2014

Wie sieht der Arbeitsplatz Bibliothek in Kinderbüchern aus? Antworten auf diese Frage suchen wir in elf zufällig ausgewählten Büchern deutscher, englischer und spanischer Sprache. Fast alle dieser Bücher haben Öffentliche oder Schulbibliotheken zum Thema – nur in einem werden auch Wissenschaftliche Bibliotheken erwähnt.
Cover des Buches Clarence the copy cat zeigt eine gezeichnete Katze auf einem Kopierer in einer BibliothekGleich vorweg: In einem Kinderbuch kommen gar keine MitarbeiterInnen vor. Man kann nur aus der Tatsache, dass ein Bub aus einer Bücherei mit vielen Büchern bepackt und zufrieden herauskommt, schließen, dass sich zuvor jemand um Bestandsaufbau und Ausleihe gekümmert hatte (und irgendjemand hatte ein "Hunde verboten"-Schild aufgestellt). In einem Buch wird die private Schlossbibliothek nur von der Fledermaus Cölestine bewohnt. In einem anderen bevölkern nur Geister die Bibliothek, allerdings handelt es sich dabei nicht um verstorbenes Fachpersonal. Die Fernleihe wird kein einziges Mal erwähnt. Die Formalerschließung wird nur in einem Buch als Tätigkeit dargestellt, ansonsten spiegelt sie sich eher in der Katalogsuche wider. Dasselbe gilt für die inhaltliche Erschließung, die nur durch das Endprodukt Aufstellungssystematik vertreten ist. In sechs Büchern sind Beratung und Auskunft wichtig. In "A day with a librarian" heißt es zum Beispiel: "Ich helfe Menschen, das zu finden, was sie brauchen. Ich helfe Menschen, Antworten auf ihre Fragen zu finden". Sechs Mal werden Bücher zurückgestellt. Sieben Mal wird die Ausleihe erwähnt. Am wichtigsten sind aber die lesefördernden Maßnahmen wie Vorlesestunden, die in acht von elf Büchern den Kindern Freude bereiten.
Fazit: Die Arbeit im Hintergrund spielt in den Kinderbüchern eine untergeordnete Rolle – der Kontakt mit großen und kleinen BenutzerInnen steht im Vordergrund. Übrigens: Den höchsten Wert an Mitarbeiterzufriedenheit erreicht wohl der Bärenbibliothekar Lewis. Er liebt einfach alles an seinem Beruf: das Aufsperren in der Früh, den Geruch der Bücher, das Auswählen und Kaufen neuer Medien, das Reparieren, das Sortieren und Zurückstellen, die Beratung, sogar Menschen, die sich in der Bibliothek unterhalten – aber "was Lewis wirklich liebte, war, sich mit einem Stapel Bücher mit großartigen Geschichten und tollen Bildern auf einen Sessel zu setzen und den Kindern in der Bibliothek vorzulesen".

Verwendete Literatur

  • Cari Meister / Rich Davis [Ill.]: Tiny goes to the library (2000)
  • Jan Kottke: A day with a librarian (2000)
  • Susan Hill / Lydia Halverson: Stuart Little at the library (2001)
  • Dan Liebman: Quiero ser bibliotecario (2003)
  • Jessica Spanyol: Carlo and the really nice librarian (2004)
  • Dan Gutman / Jim Paillot: Mrs. Roopy is loopy! (2004)
  • David Melling: The ghost library (2005)
  • Jakob Michael Perschy / Hans-Günther Döring [Ill.]: Balthasar und die Bibliotheksfledermaus (2006)
  • Marni McGee / Ian Beck: Winston der Bücherwolf (2006)
  • Charnan Simon / Rebecca Thornburgh [Ill.]: Lewis the librarian (2006)
  • Patricia Lakin / John Manders: Clarence the copy cat (2007)
Hier alle bisher in den Büchereiperspektiven erschienenen Kolumnen zum Nachlesen:
  • Bibliothek als...: 4/2014 (Bibliothek als Treffpunkt, S. 21), 3/2014 (Bibliothek als Arbeitsplatz, S. 59), 2/2014 (Bibliothek als Tatort, S. 61), 1/2014 (Bibliothek als Paradies, S. 63).
  • Film und Fernsehen: 4/2013 (Science Fiction, S. 45), 3/2013 (Krimiserien, S. 53), 2/2013 (Horror, S. 65), 1/2013 (Komödien, S. 59).
  • Belletristik: 4/2012 (Krimis, S. 59), 3/2012 (Comics, S. 57), 2/2012 (Horror, S. 71), 1/2012 (Liebesromane, S. 53).



Thursday, June 18, 2015

Wie eine Wildsau

Mein Kollege Georg Maißer führt seit April 2015 ein äußerst lesenswertes Blog auf georgmaisser.wordpress.com, in der er hauptsächlich persönliche Erlebnisse beschreibt. Besonders gefesselt hat mich sein letzter Beitrag "Wie eine Wildsau". Zum Schmunzeln empfehle ich die Beobachtung "I am too sexy...".

marfis75 (Martin Fisch): "saumüde", Flickr, 28. Oktober 2014, CC-BY-SA