Sunday, March 31, 2013

Leseliste I. Georg Heym: Die Tote im Wasser

Ich habe mir vorgenommen, die Bücher und Artikel auf meiner Leseliste für die Diplomprüfung in meinem Blog vorzustellen, damit ich sie nicht nur für eine Stunde Prüfung gelesen habe ;-) Außerdem habe ich mir ja lauter für mich interessante Texte ausgesucht. Den ersten Eintrag auf dieser Liste bildet das Gedicht "Die Tote im Wasser" von Georg Heym. Es erschien in der noch zu Heyms Lebzeiten bei Rowohlt veröffentlichten Sammmlung "Der ewige Tag" und ist mit 31. August 1910 datiert. Heym zählt zu meinen Lieblingsschriftstellern - mich haben als Jugendliche und junge Erwachsene vor allem seine Tagebücher sehr fasziniert.
Das Sujet des Gedichts ist für den Expressionismus und seine "Ästhetik des Hässlichen" als typisch anzusehen. Eine ganze Reihe von "Wasserleichenpoesie" wurde von Arthur Rimbauds Gedicht "Ophelie" inspiriert (Quelle).

Georg Heym: Die Tote im Wasser

Die Masten ragen an dem grauen Wall
Wie ein verbrannter Wald ins frühe Rot,
So schwarz wie Schlacke. Wo das Wasser tot
Zu Speichern stiert, die morsch und im Verfall.

Dumpf tönt der Schall, da wiederkehrt die Flut,
Den Kai entlang. Der Stadtnacht Spülicht treibt
Wie eine weiße Haut im Strom und reibt
Sich an dem Dampfer, der im Docke ruht.

Staub, Obst, Papier, in einer dicken Schicht,
So treibt der Kot aus seinen Röhren ganz.
Ein weißes Tanzkleid kommt, in fettem Glanz
Ein nackter Hals und bleiweiß ein Gesicht.

Die Leiche wälzt sich ganz heraus. Es bläht
Das Kleid sich wie ein weißes Schiff im Wind.
Die toten Augen starren groß und blind
Zum Himmel, der voll rosa Wolken steht.

Das lila Wasser bebt von kleiner Welle.
- Der Wasserratten Fährte, die bemannen
Das weiße Schiff. Nun treibt es stolz von dannen,
Voll grauer Köpfe und voll schwarzer Felle.

Die Tote segelt froh hinaus, gerissen
Von Wind und Flut. Ihr dicker Bauch entragt
Dem Wasser groß, zerhöhlt und fast zernagt.
Wie eine Grotte dröhnt er von den Bissen.

Sie treibt ins Meer. Ihr salutiert Neptun
Von einem Wrack, da sie das Meer verschlingt,
Darinnen sie zur grünen Tiefe sinkt,
Im Arm der feisten Kraken auszuruhn.

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