Monday, June 27, 2005

Vergangenen Donnerstag war ich nach langem wieder in der Oper, weil mein Vater, Abonnementinhaber, beruflich verhindert war. Auf dem Spielplan stand "Parsifal" von Richard Wagner. Dirigent: Christian Thielemann. Inszenierung: Christine Mielitz. Besetzung: Plácido Domingo (Parsifal), Falk Struckmann (Amfortas), Waltraud Meier (Kundry), Franz-Josef Selig (Gurnemanz), Wolfgang Bankl (Klingsor).
Bei mir ist es bisher immer so gewesen, dass mir die Oper, die ich zuletzt gesehen habe, am besten gefällt. Diese Aufführung war aber wirklich etwas Besonderes. Ich habe noch nie etwas so Berührendes, Bewegendes und Spannendes gesehen. Wilhelm Sinkovicz spricht in seiner Kritik "Zum Traum wird hier die Zeit" in der Presse gar von einer "Wagner-Sternstunde". Auch wenn in Medienberichten (wie in der ZIB am Freitag) Domingo immer im Vordergrund steht, finde ich doch die Rolle des Amfortas eigentlich die bedeutendste. Sinkovicz dazu: "Falk Struckmann dazu, ein Amfortas von geradezu niederschmetterndem Leidenspotenzial. Seine Stimme vermittelt die Klagerufe des gequälten Gralskönigs mit seltener Intensität, ganz im Einklang mit den glühenden Klangbotschaften, die aus dem Orchester kommen". Wie Amfortas hin und her gerissen ist, weil er nach Jahren der Schmerzen und Qualen einfach genug hat und nur mehr sterben will, andererseits darunter leidet, dass er durch das Verschlossenhalten des Grals den Tod seines Vaters Titurel verursacht hat, wurde von Struckmann wirklich brillant und beeindruckend dargestellt. Bei Kundrys Auftritten hatte ich - nicht als einzige Opernbesucherin - eine Gänsehaut.
Zwei "Wermutstropfen": Ich hatte trotz ausreichend Phantasie gewisse Schwierigkeiten, in dem 64jährigen Domingo den jungen Knaben Parsifal zu sehen; und die Erläuterungen der Vorgeschichte durch Gurnemanz, die Wagner wohl als für das Verständnis nötig erachtete, weisen doch oft eine gewisse "epische Breite" auf.
Christian Thielemann hat eine ganz eigene Art zu dirigieren, die aus der Nähe zu beobachten wesentlich zum Vergnügen des Abends beigetragen hat. Ich wusste oft nicht, ob ich auf die Bühne oder in den Orchestergraben schauen soll. Hab mir gleich das Buch "Christian Thielemann - ein Portrait" von Kläre Warnecke (2003) bestellt... Ich glaube ja mittlerweile, dass die Oper die höchste Kunstform überhaupt ist, da sie Text, Bild und Melodie vereint.
Parsifal begleitet mich irgendwie schon länger: Das zugrundeliegende Epos "Parzival" Wolframs von Eschenbach (den Wagner aber anscheinend gründlich missverstanden hat) ist wohl mein liebster mittelhochdeutscher Text (zugegebenermaßen nicht besonders originell - meine Vorliebe, nicht der Text); und eine der faszinierendsten Germanistik-Lehrveranstaltungen "ever" war, als Alfred Ebenbauer uns in einem Einführungsproseminar die Szene schilderte, in der Parzival durch Blutstropfen im Schnee an seine Frau Condwiramurs erinnert wird. Das ist schon zehn Jahre her, aber ich seh es immer noch vor mir.

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