Tuesday, July 07, 2015

Von Bücherfeen und Bibliotheksvampiren, Kolumne 4/2014

Beim Festival "Österreich liest" im Oktober konnten Besucherinnen und Besucher den "Treffpunkt Bibliothek" auf vielseitige Weise kennenlernen und erfahren. Diese Kolumne ist dem fiktiven Pendant gewidmet.
Ein Schwarzes Brett kann ein guter Treffpunkt sein, erfährt der Bibliothekar James in "Carbs & Cadavers", der sich nach langen Jahren auswärts erst wieder in seiner Heimatstadt eingewöhnen muss. Just an dem Tag, als er sich nachintensivem Zögern wieder einmal auf die Waage gestellt hat und noch schockiert vom Ergebnis ist, begegnet er an seinem Arbeitsplatz der Lehrerin Lindy, die gerade eine Einladung für einen "Supper Club" aufhängt – eine Gruppe, die sich regelmäßig zum gemeinsamen Essen trifft, dabei Diätrezepte austauscht und sich gegenseitig beim Abnehmen unterstützen will. Bald entsteht eine innige Freundschaft zwischen den Gruppenmitgliedern.
In dem Roman "Ausgeliehen" trifft der zehnjährige Ian in der Stadtbibliothek auf eine Komplizin. Seine Mutter verlangt nämlich, dass er nur "Bücher, in denen der Atem Gottes zu spüren ist", liest – "Harry Potter und ähnliche Autoren" gehören nicht dazu. Die Kinderbibliothekarin Lucy stammt allerdings "aus einer langen Reihe von Revolutionären ab“ und hilft Ian dabei, heimlich an die verbotenen Bücher heranzukommen.
BibliothekarInnen erleben manchmal unverhoffte Begegnungen – wie der Protagonist in "Le grand amour du bibliothécaire" ("Die große Liebe des Bibliothekars"): „Ein Besucher in seiner Bibliothek, das ist doch noch nie passiert! Und dann auch noch eine hinreißende junge Frau. Das Herz des Bibliothekars beginnt zu klopfen. Er errötet, er erbleicht. Er befindet sich über ihr und wäre gerne auf derselben Ebene, aber er fühlt sich nicht fähig, die Leiter hinunterzusteigen, ohne über seine eigenen Füße zu stolpern".
Manchmal stößt man in der Bücherei aber auch auf Gestalten, die man – in dieser Form – gar nicht erwartet hätte. So ergeht es etwa der Titelheldin in "Lisas Buch": "Der Platz unter der Gummipalme war besetzt, und die beiden Jungen, die dort saßen, hatte Lisa hier noch nie zuvor gesehen. Sie wären ihr aufgefallen, denn ehrlich gesagt, schauten sie ziemlich merkwürdig aus. Der eine trug eine Art Jackett, das ihm viel zu groß war, und dazu eine an den Knien geflickte karierte Hose. Auf dem Kopf hatte er einen Strohhut mit einer hoffnungslos ausgefransten Krempe. (..) Der andere Junge sah nicht viel besser aus.“ Ihre Namen sind übrigens Tom und Huck...

Literatur

  • J.B. Stanley: Carbs & Cadavers. Midnight Ink 2006 (die Serie "Supperclub mysteries" hat mittlerweile sechs Bände)
  • Rebecca Makkai: Ausgeliehen. List 2012 [The borrower]
  • Évelyne Brisou-Pellen: Le grand amour du bibliothécaire. Illustriert von Véronique Deiss. Castermann 1996 (Übersetzung der zitierten Passage von MB)
  • Wieland Freund: Lisas Buch. Rowohlt Taschenbuch 2003

Hier alle bisher in den Büchereiperspektiven erschienenen Kolumnen zum Nachlesen:
  • Bibliothek als...: 4/2014 (Bibliothek als Treffpunkt, S. 21), 3/2014 (Bibliothek als Arbeitsplatz, S. 59), 2/2014 (Bibliothek als Tatort, S. 61), 1/2014 (Bibliothek als Paradies, S. 63).
  • Film und Fernsehen: 4/2013 (Science Fiction, S. 45), 3/2013 (Krimiserien, S. 53), 2/2013 (Horror, S. 65), 1/2013 (Komödien, S. 59).
  • Belletristik: 4/2012 (Krimis, S. 59), 3/2012 (Comics, S. 57), 2/2012 (Horror, S. 71), 1/2012 (Liebesromane, S. 53).

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